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Und schon wieder sind die „Parasiten“ eingefallen. Seit ich vor geraumer Zeit Juan Amador´s offenen Brief auf Facebook gelesen habe, in dem er die, in seinen Augen selbst ernannten Restaurantkritiker  – vulgo Foodblogger – als Schmarotzer und Parasiten betitelt hat, war ich kurz davor auf das Posting zu antworten. Es ist nämlich schade, dass einzelne Blogger auch den Ruf all jener beschädigen, die gerne genießen, über ihre privaten Ausflüge erzählen und sich beileibe nicht anmaßen – über ihre rein subjektiven Eindrücke hinaus – ein Urteil über das Können der Köche zu veröffentlichen. In dem Posting ging es auch darum, dass sich Foodblogger selbst einladen, also quasi aufdrängen, um anschließend gnädiger Weise ein Urteil abzugeben. Nein nicht alle Foodblogger sind so, denn ich gehöre zu jener Sorte an Foodbloggern, die sich nicht voranmelden, um ein kostenloses Essen zu erheischen bzw. dieses sogar einfordern. Ich gebe mein hart verdientes Geld gut und gerne für wunderbare kulinarische Erlebnisse aus. Aus dem Grund darf ich meine subjektiven Eindrücke auch auf meinem Blog festhalten. Denn wenn ich schon viel Geld ausgebe und es sinnvoll investiert war – möchte ich tolle Lokale auch anderen ans Herz legen. Über nicht erwähnenswerte Besuche wird geflissentlich der Mantel des Schweigens gebettet. Ich möchte mich beim Schreiben ja nicht gleich nochmal ärgern. Womit ich jetzt eigentlich schon vorweggenommen habe, dass ich mich beim Besuch in Amadors neuem Wirtshaus in Döbling ganz und gar nicht geärgert habe.

Wir haben den Besuch von Freunden aus der Schweiz zum Anlass genommen, um das sogenannte „Wirtshaus“ zu besuchen. Wirtshaus ist vielleicht dann doch der falsche Ausdruck, denn angeboten werden zwei 6-Gang Menüs der Extraklasse – weit entfernt von Wirtshausküche. Wir konnten zwischen „Nabucco“ und „La Traviata“ wählen. Der Menüpreis für 6 Gänge liegt bei 125 Euro. Das Ambiente ist ehrlich gesagt etwas befremdlich. So ein schöner Raum – auf den ersten Blick – und dann diese roten Teppiche mit weißen Büro-Besprechungssesseln und eine Akustik! Wir mussten zunächst noch einige Minuten auf unsere Freunde warten. Währenddessen waren gerade mal zwei andere Tische besetzt. Plötzlich ein Effekt wie in der Whisper Gallery der St. Paul´s Cathedral. Ich – neben ihm sitzend – war für Mr. Bee kaum zu verstehen, während er einen Gast am anderen – 7 Meter entfernten Tisch – so verstehen konnte, als säße er auf seinem Schoß. (Hat sich erst dann gegeben, als alle Tische im Raum besetzt waren). Schade, denn die Greißlerei im vorderen Teil der Lokalität wirkt so toll, gemütlich und einladend…

Tipp: Unbedingt vor 19:30 Uhr kommen, denn sonst wird es mit den Parkplätzen eng bis mau. Magali und Andreas wollten schon umdrehen und in die Schweiz zurück fahren. Doch zu guter letzt fanden wir uns alle um den Tisch sitzend. Die Damen in Erwartung von Nabucco und die Herren von La Traviata. Wir vier haben entschieden auf den „Käsegang“ – das geeiste Labneh vom Schaf zu verzichten. Ich bin ja leider etwas allergisch auf Käse und Mr. Bee ist dann doch eher der klassische Käsegenießer einer Käsevariation vom Käsewagen. Bei der Weinbegleitung begann die erste Diskussion. „85,– Euro für DIESE Weine“ waren für Magali schon ganz schön überteuert. Mr. Bee und sie haben aber doch beschlossen die Weinbegleitung zu testen. Die zwei Fahrer der Runde – Andreas und ich – haben entschieden nur dann einzusteigen, wenn für uns passend.

Sehr nett schon mal die Idee mit der versiegelten Speisekarte. Wer keine roten Brösel in der Handtasche vorfinden will, sollte sie allerdings nicht einstecken! …oder das rote Siegel schon vorher komplett entfernen.

Kommen wir aber gleich zur…

OUVERTÜRE: STRAMMER MAX MIT SCHINKENESSENZ| FALSCHER MOZZARELLA MIT TOMATE | BEEF TATAR CHINOISE | NORDSEEKRABBE

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Mein absolutes Highlight – der intensive Tomatengeschmack auf vermeintlichem „Mozzarella“ – der sich im Mund als Kokoscreme offenbarte. Wirklich toll.

Sehr gut auch das asiatisch angehauchte Beef Tatar. Es hätten ruhig 2 Kügelchen für die Tatar-Liebhaberin sein können. Sehr gut auch die Nordseekrabbe in einer Art Omelette. Die Butter vielleicht eine Spur zu weich. Ich steh dann doch mehr auf kältere noch schnittfeste Butter.

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Eine weitere Geschmacksexplosion war für mich die Schinkenessenz. Sehr würzig und gehaltvoll. Dazu der dekonstruierte knusprige Stramme Max. Meine Geschmacksnerven waren schon mal gekitzelt.

Der erste Gang für die Damen…

ROTE GAMBAS: KAFIOL | LIMETTE | VORARLBERGER SIG

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Für mich ein sehr gelungener Einstieg ins Menü. Wunderbar gegarte Gambas, leichte säuerliche Note der Pünktchen und Tropfen und die köstlich karamellig schmeckenden Segel aus Vorarlberger Sig. Insgesamt sehr gut gewürzt, wenngleich auch recht salzig. Für mich natürlich perfekt, weil ich hätte ja auch gern einen Schleckstein in der Küche.

Für die Herren gab es…

ALPENLACHS: GURKE | DILL | KREN

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Nachdem ich ja auch immer von Mr. Bee´s Teller naschen darf (und umgekehrt) kann ich euch natürlich auch genau erzählen, wie seine Gerichte geschmeckt haben. Toll gegarter glasiger Alpenlachs mit Knusperkügelchen (vielleicht aufgepoppter, gepuffter Quinoa?), ein wunderbarer Dillsud, Kren und knusprige Fischhaut. Was sich hier rosa-rot auf den Teller geschmiegt hat, weiß ich leider nicht mehr. War es Zunge? Auf jeden Fall hauchzart und geschmacklich sehr harmonisch. Alles in allem aber auch recht salzig. Andreas meinte – für ihn grad an der Grenze.

Der zweite Gang der Damen – und zugleich mein absoluter Lieblingsgang!!

ZANDER: PAPRIKA I  GULASCHSAFT I  PALFFY KNÖDEL

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Die Kombination zwischen dem butterzarten Zander und dem doch sehr intensiven Gulaschsaft war einfach perfekt. Wer jetzt glauben könnte der Gulaschsaft übertüncht doch jeden Geschmack des Fisches – weit gefehlt. Der Fisch hat selbst so einen wunderbaren Eigengeschmack, dass der Saft ihm nichts an Charakter nimmt. Nein im Gegenteil diesen noch unterstützt. Für alle die ihr Gulasch scharf lieben wurde seitlich noch eine doch sehr scharfe Paprikacreme platziert. Die Knödelscheibe ruht unter einer hauchdünnen Schicht Lardo. Darauf noch ein wenig Knusper. Ich liebe diesen Gang!!!

Für die Männer gestaltet sich der zweite Gang folgendermaßen…

KABELJAU: MELANZANI  I  LUSTENAUER SENF I  HERZMUSCHELN

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Hat man mal den Zander im Gulaschsaft gekostet hat es dieses Gericht natürlich etwas schwer. Wesentlich feiner und zarter im Geschmack. Leichte Senfnote. Aber in sich sehr stimmig und natürlich auch hervorragend. Der Fisch wieder auf den Punkt gegart.

Der dritte Gang für die Damen war sowohl für mich, als auch für Magali der schwächste Gang. Irgendwie in sich nicht ganz stimmig und geschmacklich aus der Reihe tanzend.

WIENER SCHNECKEN: JAKOBSMUSCHEL I  BERGKÄSE I  SCHNITTLAUCH

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Das Beste an diesem Gang – die wunderbar gegarten Jakobsmuscheln mit Speck (Lardo?) und die Schnecken. Diese schwimmenden Bergkäse-Püree-Nudeln waren geschmacklich etwas lasch, ebenso der Schnittlauchsud. Was in den ersten Gängen schön würzig und teilweise salzig war – hier genau das Gegenteil. Sehr flach gewürzt. Das grüne Knuspergitter ohne Geschmack. Für mich ein kleiner Bruch im bislang wirklich perfekten Menü.

KAISERGRANAT: KALBSKOPF I  SPARGEL I  SAUCE GRIBICHE

Wieder ein Wahnsinnsgang. Gegrillter Spargel (von mir abgeschaut, hehe). Hauchdünner Kalbskopf und ein perfekt gegarter Kaisergranat. Die leicht säuerliche Sauce Gribiche ist eine wunderbare Ergänzung zu einem perfekten Gericht. Diesen Gang hätte ich gerne gegen meinen geschmacksneutralen Gang in grün eingetauscht.

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Hier geht´s zu Teil 2!

 

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